Die Ordnungstherapie – eine der fünf Säulen der klassischen Naturheilkunde – bildet die Grundlage für ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Sie geht davon aus, dass äußere und innere Ordnung untrennbar miteinander verbunden sind: Wer krank ist, braucht „Ordnung in der Seele und im Leben“, wie es Pfarrer Sebastian Kneipp formulierte. Ein gesunder Lebensstil umfasst dabei mehr als Bewegung, Ernährung und Schlaf – auch Gedanken, Gefühle und alltägliches Verhalten spielen eine entscheidende Rolle.
Die Mind-Body-Medizin (MBM) knüpft an dieses Verständnis an: Sie betrachtet Gesundheit als Zusammenspiel von Körper, Psyche, Geist und Verhalten und bezieht damit emotionale, mentale, soziale, spirituelle und verhaltensbezogene Faktoren systematisch mit ein. Als Lebensstilmedizin spricht sie all diese Ebenen an – und nutzt die Kraft achtsamer Wahrnehmung als Grundlage dafür, überhaupt Veränderung zu ermöglichen. Im nächsten Schritt braucht es Selbstfürsorge, um bewusste, gesundheitsfördernde Entscheidungen im Alltag zu treffen und dauerhaft umzusetzen.
Das therapeutische Konzept der Mind-Body-Medizin in der Integrativen und komplementären Medizin (MICOM), wie es an unserer Klinik praktiziert wird, verbindet die Ordnungstherapie der klassischen Naturheilkunde mit moderner Lebensstilmedizin. Im Fokus steht die Begleitung individueller Entwicklungsprozesse mit dem Ziel, Selbstregulation, innere Stabilität und nachhaltige Veränderung zu fördern. Der Patient / die Patientin wird nicht isoliert über Symptome definiert, sondern in seinem Lebenskontext betrachtet – mit Blick auf Gewohnheiten, Beziehungen und vorhandene Ressourcen. Dieses Verständnis findet Ausdruck im „Tempel der Gesundheit“, welcher die Verbindung zentraler Lebensbereiche sichtbar macht, die Gesundheit erhalten und stärken können. So entsteht ein Rahmen, in dem gesundheitsfördernde Entscheidungen im Alltag gefestigt und Eigenverantwortung nachhaltig gestärkt werden.
Wir zeigen Ihnen anhand des Tempels der Gesundheit, wie Sie Ihre Gesundheitsressourcen für sich nutzen können. Sie lernen die Methoden der Ordnungstherapie und MBM kennen und entwickeln damit im Rahmen der Therapieeinheiten individuelle Strategien für Ihren Alltag.
Therapieinhalte der Mind-Body-Medizin
Achtsamkeit bezeichnet die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment – mit einer Haltung von Offenheit, Akzeptanz und innerer Zugewandtheit. Sie fördert das achtsame Wahrnehmen von Körperempfindungen, Sinneseindrücken, Gedanken und Gefühlen – ohne Bewertung. Diese Praxis hat eine lange Tradition, etwa im Yoga, der buddhistischen Meditation oder der christlichen Kontemplation, und wird heute als wichtige Ressource für Gesundheit. Auch Meditation – als formalisierte Form der Achtsamkeit – hilft, innerer Unruhe und Belastungen bewusst zu begegnen.
In der Mind-Body-Medizin wird Achtsamkeit eingesetzt, um Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und innere Stabilität zu stärken. Sie ermöglicht einen konstruktiven Umgang mit Stress, fördert Präsenz und eröffnet einen Zugang zur inneren Kraft. Damit bildet sie die Basis, um einen Prozess zur Verhaltensänderung einzuleiten und einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu entwickeln bzw. aufrechtzuerhalten.
Bewegung ist ein zentraler Bestandteil der klassischen Naturheilkunde und spielt auch in der konventionellen Medizin eine zunehmend wichtige Rolle. Regelmäßige körperliche Aktivität fördert die Selbstregulation auf verschiedenen Ebenen – vom Herz-Kreislauf-System über den Stoffwechsel und das Immunsystem bis hin zur psychischen Stabilität. Zahlreiche Studien belegen ihren positiven Effekt bei chronischen Schmerzerkrankungen, Depression, Fatigue und in der Krebsnachsorge.
In der Mind-Body-Medizin steht jedoch nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, einen bewussten, achtsamen Zugang zur Bewegung zu entwickeln – jenseits von Druck und Perfektion. Bewegung wird als Ressource verstanden: zur Förderung der Körperwahrnehmung, zur Stärkung der Selbstfürsorge und zur Integration gesunder Routinen in den Alltag.
Der Kardiologe Herbert Benson von der Harvard University, der in den frühen 1970er-Jahren untersuchte, wie sich der Bluthochdruck durch Biofeedback und Transzendentale Meditation regulieren lässt, prägte den Begriff des „Relaxation Response“, der als Gegenfunktion zum Fight-or-Flight-Response anzusehen ist.
Es ist allgemein bekannt, dass der Organismus unter Dauerstress zu entspannen „verlernt“. Dies kann pathogene Prozesse begünstigen. Einige MBM-Methoden konzentrieren sich deshalb darauf, die Entspannungsfähigkeit wiederzuerlangen. Beim „Relaxation Response“ handelt es sich um einen Zustand der inneren Ruhe, der Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf bei chronisch Kranken haben kann. Bei regelmäßigem Praktizieren des „Relaxation Response“ kommt es zu einem verringerten Ansprechen von Katecholaminen auf Endorganebene, was sich klinisch in Form einer erhöhten Stressresistenz zeigt. D.h. die Herz- und Atemfrequenz reduziert sich dauerhaft und der Blutdruck sinkt, die Muskelanspannung vermindert sich generell und ein Gefühl von Ruhe und Gelassenheit stellt sich ein. Jüngste Untersuchungen lassen vermuten, dass regelmäßig und über einen längeren Zeitraum durchgeführte Entspannungsübungen mit epigenetischen Veränderungen einhergehen, die stressinduzierten pathogenen Zellveränderungen entgegenwirken.
Verfahren, die zum Erreichen eines „Relaxation Response“ in der MBM eingesetzt werden können, sind beispielsweise:
• Progressive Muskelrelaxation
• Autogenes Training
• Diaphragmales Atmen
• Visualisierung, Imagination
• Achtsamkeitspraxis
• Meditation
• Qigong und Taiji Chuan
• Yoga
Wichtig ist dabei, ein Verfahren zu finden, mit dem sich der Patient, bzw. die Patientin wohl fühlt und
entspannen kann. Um Therapie-Effekte zu erzielen, ist zu Beginn eine tägliche 20 bis 45 Minuten andauernde Durchführung über einen Zeitraum von mindestens acht bis zehn Wochen notwendig. Um den Therapieeffekt zu erhalten, ist dauerhaftes Ausüben erforderlich.
Eine gesundheitsförderliche Ernährung nutzt die heilende Wirkung von Nahrungsmitteln bei der Behandlung und Vorbeugung chronischer Erkrankungen und Stoffwechselstörungen – z. B. bei Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Migräne, Fettstoffwechselstörungen, Gicht oder Typ-2-Diabetes. Sie ist ein zentraler Bestandteil naturheilkundlicher Therapiekonzepte und trägt maßgeblich zur Wirksamkeit ganzheitlicher Behandlungen bei.
In unserem Ernährungskonzept liegt der Schwerpunkt auf der pflanzenbasierten mediterranen Vollwertkost, die frisch, regional und saisonal ist. Sie ist reich an gesunden Fetten, sekundären Pflanzenstoffen Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen und wirkt unter anderem schützend auf Herz und Gefäße, regulierend auf das Immunsystem und entzündungshemmend. Ergänzend kommen – je nach Beschwerdebild und therapeutischem Ziel – auch Formen des Heilfastens zum Einsatz. Ziel ist es, im Sinne der Mind-Body-Medizin, das eigene Essverhalten bewusst wahrzunehmen, individuelle Zusammenhänge zu erkennen und langfristig gesunde Ernährungsgewohnheiten zu etablieren.
Chronische Erkrankungen und längere Behandlungsverläufe gehen häufig mit psychoemotionalem Stress, Schlafstörungen und einer Störung biologischer Rhythmen einher. Entspannungsverfahren können helfen, das autonome Nervensystem zu beruhigen, den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus zu stabilisieren und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Sie wirken körperlich und psychoemotional regulierend – durch die Reduktion von Stresshormonen, die Förderung innerer Ruhe und eine verbesserte Resilienz (Widerstandsfähigkeit) im Alltag.
In der Mind-Body-Medizin geht es gezielt darum, den Körper in einen Zustand tiefer Entspannung zu bringen – als Gegenpol zur bekannten Stressreaktion („Kampf oder Flucht“). Diese sogenannte Entspannungsreaktion hilft dabei, Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie kann unter anderem den Blutdruck sowie Herz- und Atemfrequenz senken – und wirkt sogar bis auf Zellebene. Studien zeigen: Wer regelmäßig entspannt, kann langfristig auch innere Prozesse positiv beeinflussen – etwa das Immunsystem, die Hormonbalance oder die Reaktion auf Entzündungen. Entscheidend ist, eine Methode zu finden, die gut zu einem passt – und sie regelmäßig anzuwenden.
Die naturheilkundliche Selbsthilfe bietet alltagsnahe Möglichkeiten, selbst aktiv zur Genesung und Stabilisierung beizutragen. Wickel, Auflagen, Bäder oder Inhalationen wirken nach dem Reiz-Reaktions-Prinzip: Durch gezielte thermische, mechanische oder pflanzliche Reize werden körpereigene Regulationsprozesse angeregt. Diese Anwendungen fördern Durchblutung, Stoffwechsel und Immunsystem – und können, je nach Verfahren und Indikation, beruhigend oder aktivierend wirken.
In der Mind-Body-Medizin dienen diese Methoden nicht nur der körperlichen Unterstützung, sondern auch der Stärkung des Wohlbefindens und der Selbstfürsorge, z.B. durch das Integrieren heilsamer Rituale in den Alltag.
Belastende Gedanken und starke Emotionen sind eine natürliche Reaktion auf herausfordernde Lebensumstände – besonders im Kontext chronischer Erkrankungen. Wenn sie jedoch dauerhaft bestehen oder als überwältigend erlebt werden, können sie den Heilungsprozess behindern und die Lebensqualität spürbar einschränken.
In der Mind-Body-Medizin wird davon ausgegangen, dass Gedanken, Gefühle und körperliche Reaktionen eng miteinander verbunden sind. Durch das bewusste Erkennen und Verändern automatisierter Denkmuster und den achtsamen Umgang mit Emotionen lassen sich Stressreaktionen verringern und neue Bewältigungsstrategien entwickeln. Ziel ist es, Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu stärken – um aus dem Gefühl der Hilflosigkeit wieder ins aktive Handeln zu kommen.
Yoga, Qigong und Taijiquan sind traditionelle Bewegungskünste aus Indien und China, die Körper, Geist und Atem in Einklang bringen und die Gesundheit auf ganzheitliche Weise stärken. Yoga verbindet Körperhaltungen (āsana) und Atemtechniken (prāṇāyāma) mit meditativen Elementen und hat sich in vielen westlichen Ländern als ergänzende Therapiemethode bewährt – besonders bei Stress, Angst, Depressionen, chronischen Schmerzen und zur Stärkung des allgemeinen Wohlbefindens. Qigong und Taijiquan (Tai Chi) kombinieren sanfte, fließende Bewegungen mit Achtsamkeit, Atmung und der Vorstellungskraft, um die Lebensenergie („Qi“) zu harmonisieren.
In der Mind-Body-Medizin helfen diese Methoden, die Aufmerksamkeit bewusst vom Kopf in den Körper zu lenken, innere Anspannung loszulassen und herauszufinden, was guttut und stärkt. Sie fördern eine feine Körperwahrnehmung, Ruhe und neue Energie – und unterstützen so die Fähigkeit, auch im Alltag bewusst bei sich selbst zu bleiben.
Ein stabiles soziales Netz spielt eine entscheidende Rolle für die psychoemotionale und körperliche Gesundheit. Dabei zählt nicht allein die Anzahl der Kontakte, sondern vor allem deren Qualität: Sind Beziehungen stärkend, ehrlich und unterstützend – oder eher belastend und hemmend? Besonders bei chronischen Belastungen oder Erkrankungen wird deutlich, wie wichtig es ist, tragende Verbindungen zu pflegen und sich aktiv mit dem eigenen Umfeld auseinanderzusetzen.
In der Mind-Body-Medizin wird soziale Unterstützung als wichtige Ressource gestärkt. Patient:innen werden eingeladen, ihre Beziehungen bewusst zu reflektieren: Wer tut mir gut? Wo darf ich klare Grenzen ziehen? Ziel ist es, tragfähige Netzwerke zu erkennen, zu erhalten und – wo möglich – aktiv zu gestalten. Soziale Gruppenangebote, achtsame Kommunikation und Austausch mit anderen Betroffenen können dabei helfen, Vertrauen, Empathie und Verbundenheit zu fördern.
Ziele der Mind-Body-Medizin
- Förderung der Selbstwahrnehmung und -regulation
- Stärkung der Selbstwirksamkeit und Gesundheitskompetenz
- Aktivierung der Selbstheilungskräfte
- Verbesserung der Krankheitsbewältigung
- Nutzung und Stärkung persönlicher Ressourcen
- Aufbau psychosozialer Stabilität und Widerstandsfähigkeit
- Entwicklung eines nachhaltigen, gesundheitsförderlichen Lebensstils
Behandlungsformen
Die Mind-Body-Medizin kommt im Rahmen der stationären naturheilkundlichen Komplexbehandlungen in der Ordnungstherapie zur Anwendung. Dieses Setting bietet einen geschützten Raum zur intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Gesundheitszustand – fern vom Alltag. Die stationäre Behandlung kann dabei einen wichtigen Impuls setzen – eine Art Neuausrichtung –, während die langfristige Umsetzung und Stabilisierung in der teilstationären Behandlung bzw. Tagesklinik erfolgen kann.
Neben der stationären Versorgung besteht die Möglichkeit einer teilstationären Behandlung in unseren Tageskliniken. Die Aufnahme erfolgt über eine Einweisung durch Haus- oder Facharzt und die Behandlung erfolgt einmal wöchentlich über einen Zeitraum von insgesamt 10 bis 11 Wochen.
Das multimodale Konzept verbindet dabei die Ansätze der Mind-Body-Medizin mit klassischen Naturheilverfahren und umfasst Elemente wie Bewegung, Ernährung, Entspannung und naturheilkundliche Selbsthilfestrategien, aber auch medizinische Naturtherapie, Hydrotherapie und Akupunktur.
Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Impulse zur Stärkung von Selbstfürsorge, Stressbewältigung und einem nachhaltig gesundheitsförderlichen Lebensstil. Theorie und Praxis greifen dabei ineinander – unterstützt durch begleitende Materialien und Übungen für zu Hause. So bietet die Tagesklinik eine wertvolle Brücke zwischen stationärer Therapie und Alltag: für mehr Eigenverantwortung, Stabilität und die langfristige Umsetzung gesundheitsförderlicher Routinen.
In unseren naturheilkundlichen Tageskliniken gehen wir gezielt auf bestimmte Krankheitsbilder und Therapiesituationen ein. Diese spezialisierten Angebote ermöglichen eine indikationsspezifische Begleitung in einem interdisziplinären und integrativen Setting – mit dem Ziel, Symptome zu lindern, Selbstregulation zu fördern und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Behandlungsschwerpunkte:
- Symptomreduktionsprogramm nach stationärem Aufenthalt oder im Rahmen der Kopf-/Rückenschmerzprogramme (z. B. BARMER, TK)
- Patientinnen und Patienten mit und nach einer onkologischen Erkrankung
- Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Beschwerden nach COVID-19 (Post-COVID)
Im Rahmen der integrierten Versorgung von Patient:innen mit Rückenschmerzen oder Migräne bieten wir ambulante Einzeltherapien auf Basis der Mind-Body-Medizin an. Diese therapeutischen Gespräche finden in einem ärztlich begleiteten Setting statt und ermöglichen eine individuelle, alltagsnahe Unterstützung. MBM-Prinzipien spielen in diesen Programmen eine zentrale Rolle. Ziel ist es, gesundheitsfördernde Strukturen im Alltag zu erkennen, zu stärken und gezielt umzusetzen.
Team
Unser interdisziplinäres Team vereint Expertise aus den zentralen Fachrichtungen des Gesundheitswesens mit fundierter wissenschaftlicher und praktischer Kompetenz. Es setzt sich zusammen aus Gesundheitswissenschaftler:innen, Sportwissenschaftler:innen, Psycholog:innen, Ökotropholog:innen und Gesundheitspädagog:innen. Alle Teammitglieder verfügen über langjährige Berufserfahrung in Prävention, Therapie und klinischer Gesundheitsförderung. Darüber hinaus haben sie eine mindestens einjährige, zertifizierte Zusatzqualifikation in Mind-Body-Medizin absolviert. Diese Spezialisierung verbindet wissenschaftlich fundierte Ansätze mit achtsamer, praxisnaher Anwendung – für eine ganzheitliche, individuelle und kompetente Begleitung unserer Patient:innen.



